In Bremen gehen die Lichter nicht aus

31. März 2015

Zum neunten Mal hatte die Umweltstiftung WWF zur weltweiten Klimaschutzaktion „Earth Hour“  aufgerufen und mehr als 7000 Städte in 172 Ländern beteiligten sich daran. Ziel der weltweiten Aktion war es, ein Zeichen für mehr Klimaschutz zu setzen. Über die verschiedenen Zeitzonen hinweg schalteten Städte am 28. März um 20.30 Uhr Ortszeit für jeweils eine Stunde das Licht aus.

In Europa waren es unter anderem der Eiffelturm in Paris, der Petersdom in Rom und die Akropolis in Athen.

In Deutschland beteiligten sich ca. 230 Städte mit ihren Wahrzeichen: Unter anderen blieb das Brandenburger Tor, der Kölner Dom, die Frankfurter Skyline und die Münchener Frauenkirche von 20.30 bis 21.30 dunkel.

Im rot/grün regierten Bremen blieb das Licht an.

Das Bremer Rathaus, der Bremer Dom, die Stadtmusikanten und andere Objekte wurden nicht dunkel.

„Sparen im Alltag ist besser, als einmal im Jahr das Licht auszuschalten“*, begründete Angela Dittmer, Pressesprecherin des Bremer Stromversorgers swb die Nichtteilnahme; zudem betrage der Anteil von Lichtquellen an der Gesamtstrombilanz eines Durchschnittshaushalts nur etwa zwei bis fünf Prozent.

Interessant die Äußerung von Jens Tittmann, Pressesprecher beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr: „Es ist jedes Jahr ein gigantischer Aufwand, der fünfstellige Kosten verursacht.“*

Fünfstellig: Das geht von 10.000 bis 99.000 Euro.

Um der Sache gerecht zu werden, nehmen wir einmal einen Wert aus dem unteren Drittel: 20.000 Euro. DesWeiteren gehen wir von fünf Objekten aus, die eine Stunde lang im Dunkel sein sollten: Rathaus, Dom, Schütting, Bürgerschaft und die Kirche Unser Lieben Frauen. Pro Objekt sind das für „Schalter aus und Schalter ein“ 4.000 Euro bzw. 4.000 Euro pro Programmierung, da wir annehmen, dass die Beleuchtung dieser Objekte rechnergesteuert ist.

In der Redaktion war erst ungläubiges Kopfschütteln, dann versuchten wir zu ergründen, wie sich die Kosten zusammensetzen könnten.

Dazu erst einmal der Eigenversuch: Ausgehend von unseren Räumen, es sind vier, benötigte ein Mitarbeiter genau 30 Sekunden, um in allen Räumen das Licht auszuschalten. Für das Einschalten des Lichts waren es dann 50 Sekunden, aber nur, weil sich der Kollege zwischen zwei Schalterklicks noch ein Bier aus dem Kühlschrank holte. Zusammen also 1 Minute und 20 Sekunden. Bei einem Stundenhonorar von …  macht das  …!

In Bremen sieht das natürlich anders aus: Da kann nicht einer allein entscheiden, ob zu einem solchen Anlass die Beleuchtung von Wahrzeichen der Stadt für eine Stunde gelöscht werden kann.

Dazu kommt noch, dass in Wahlkampfzeiten (im Mai wird in Bremen gewählt) die Thematik zu brisant ist. Die CDU wartet doch nur darauf, dem Bremer Senat am Zeug zu flicken. Ein gefundenes Fressen, wenn in Bremen die Lichter ausgehen. Der Anlass spielt dann eher eine untergeordnete Rolle.

Die Kosten der Aktion.

Der Umweltsenator (Grüne) wird vom WWF informiert und muss nun Zeit (A) aufwenden, um den Regierungschef (SPD) in Kenntnis zu setzen, was dessen Zeit (B) in Anspruch nimmt. Der Regierungschef benötigt Zeit (C), um sich mit drei Vertrauten zu besprechen, was deren Zeit (D), (E), (F) kostet. Danach informiert er den Umweltsenator (B,A) und dieser setzt nunmehr zwei seiner Beamten in Bewegung (G) und (H), welche dann die fünf Verantwortlichen (I), (K), (L), (M) und(N) der oben erwähnten Objekte von der Entscheidung der Regierung in Kenntnis setzen. Die fünf Verantwortlichen geben das an die jeweiligen Programmierer weiter, die dann wohl die meiste Zeit (OO), (PP), (QQ), (RR) und (SS) benötigen, um die Entscheidung des Senats umzusetzen.

Zeit kostet Geld!

A + B + C + D + E + F + B,A + G + H + I + K + L + M + N + OO + PP + QQ + RR + SS = 20.000 Euro

*Weser Kurier, 27.03.2015

 

Kühlschranktür befreit eine Stadt vom Schwerlastverkehr

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Bremervörde ist ein beschauliches Städtchen zwischen Elbe und Weser. Es ließe sich dort gut leben, gäbe es nicht die Bundesstraßen 71 und 74, die, auf einer Trasse vereint, die Stadt durchschneiden.

Während hier in frühgeschichtlicher Zeit die Ochsen aus den skandinavischen Ländern in die Niederlande durchgetrieben wurden*, ist es heute der Schwerlastverkehr, der die Stadt in ihrer ganzen Länge auf dieser Bundes-Trasse durchquert. Darunter leiden die Menschen und auch bei etlichen Häusern mussten die Fassaden mit Befestigungsankern gesichert werden, damit sie nicht einstürzen.

Während in vielen anderen Orten ein ruhiges Leben möglich ist, da sie durch Umgehungsstraßen von dem Schwerlastverkehr befreit sind, fehlt eine solche Umgehung bei Bremervörde. Eine Umgehungsstraße steht zwar seit 2003 im Bundesverkehrswegeplan im vordringlichen Bedarf und auch die Gelder sind dafür schon ausgewiesen, aber, oh Wunder, sie ist noch nicht gebaut, weil irgendwelche Lobbyisten und mit ihnen willfährige Politiker eine Autobahn A 20 wolle, die der Stadt nichts bringen wird und die viel zu teuer werden würde.

Im Landkreis Rotenburg, zu dem Bremervörde gehört, hatte man sich entschlossen, mit einer südlichen Entlastungsstraße wenigstens einen Teil des Verkehrs herauszuziehen. Diese wurde auch im Oktober 2014 für den Verkehr freigegeben, eines hatte man jedoch nicht bedacht: Eine neue Verkehrsführung braucht auch Hinweisschilder.

Heute, gegen Ende März 2015, ein halbes Jahr später, gibt es immer noch keine Hinweisschilder und immer noch rollt der Schwerlastverkehr durch die Stadt.

Die Entlastungsstraße entlastet nicht.

Der Landkreis als zuständige Behörde redet sich heraus mit Gestaltungs- und Lieferschwierigkeiten und auch die Stadtverwaltung sieht keine Möglichkeit, Druck zu machen, damit dieser Unsinn abgestellt wird. Während für eine Baumaßnahme im Stadtbereich flugs ein Hinweisschild aufgestellt worden war, scheint das für die Entlastungsstraße nicht möglich zu sein.

Ganz abgesehen von der Gesamtplanung: Da wird eine Straße für etliche Millionen einige Jahre lang geplant und gebaut und gleichzeitig ist es parallel nicht möglich, ein Hinweisschild, das nur den Bruchteil eines Bruchteils an Kosten verursacht hätte, zeitgleich zur Eröffnung dieser „Entlastungsstraße“ aufzustellen.

Und der Schwerlastverkehr rollt weiter durch die Stadt.

Was Landkreis und auch Stadtverwaltung in nunmehr einem halben Jahr nicht gebacken bekamen, haben die Umwelt- und Verkehrsaktivisten Peter Schühle und Manfred Schuster an einem halben Tag geschafft.

Die Tür eines ausgemusterten Kühlschranks hatte genau das Format für ein Hinweisschild. Die Aufschriften waren schnell besorgt und für das Drumherum musste auch nicht viel Zeit verwendet werden.

Die Verkehrsaktivisten sehen das Schild als einen (noch!) stillen, kreativen Protest gegen die Ignoranz der Administration, die bestimmte Notwendigkeiten für die Bevölkerung missachtet.

Während in den 68ern die Studenten mit dem Motto „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ eine Reform der Hochschulen in die Wege geleitet hatten, müsste jetzt ein Slogan gegen den Muff in den Verwaltungen kreiert werden.

Vielleicht ist diese heutige Form des zivilen Ungehorsams ein Funke, der auf die Bremervörder Bevölkerung überspringt, denn nicht alle Entscheidungen der Verwaltung haben einen Nutzen für die Einwohner.

„Alle Räder stehen still, wenn euer starker Arm es will.“

Für Bremervörde heißt das: Vielleicht wäre die Umgehungsstraße schon längst Wirklichkeit, wenn ihr euch einfach einmal öfters auf die Kreuzungen der Bundesstraßen gesetzt hättet.

In Beverstedt und anderswo war das noch nicht einmal nötig, da hatten kluge und vorausschauende Politiker das Sagen.

„Sollte uns der Landkreis Rotenburg eine weitere Kühlschranktür zur Verfügung stellen, sind wir gerne bereit, ein adäquates Hinweisschild für die Kreuzung bei Bevern innerhalb kürzester Zeit aufzustellen“ erklären sich die Aktivisten bereit. (MS)

Aktion ist schon im Netz: https://youtu.be/2jfyi0ftd4c

Siehe auch 14.01.2015: Schilda ohne Schilder

Drei . . . . . . . in einem Boot ?

5. März 2015

Guter Rat ist teuer. Besonders wenn er von Experten kommt. Folgt man diesem, kann es zum Vorteil sein. Aber auch das Gegenteil ist möglich, besonders dann, wenn die Experten irren. Das soll ja durchaus öfter vorkommen.

Hamburg bekommt das derzeit zu spüren.

Gegen Ende der 90er Jahre war einhellige Meinung der Experten, dass bei den Containerschiffen mit 12 000 Containern Ladekapazität das Maximale erreicht ist. Unmöglich, dass jemals mehr geht.

Für Hamburg war das der Hauptgrund, zusammen mit Bremen und Niedersachsen den Bau eines Tiefwasserhafen an der Nordsee nicht weiter zu verfolgen. Sie legten die Pläne zu den Akten und stiegen aus dem Dreierkonsortium aus.

Die Entwicklung im Schiffbau nahm und nimmt jedoch auf die Hamburger keine Rücksicht. Derzeit jagt bei den Containerschiffen ein Rekord den anderen.

Im Januar lief die CSCL Globe der Reederei China Shipping mit Mühen den Hamburger Hafen an. 19 100 Container kann der Frachter transportieren, rund 800 mehr als der bisherige Rekordhalter der Maersk Gruppe McKinney und auch dieser Rekord ist mittlerweile gebrochen worden durch den Riesen MSC OSCAR der Schweizer Reederei MSC.

19 224 Container transportiert MSC OSCAR über die Weltmeere und läuft in dieser Woche neben Bremerhaven auch den Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven an. Es wird sicher nicht das letzte Mal sein, da die Schweizer Reederei pro Woche zwei Mal den Hafen anlaufen will.

Das wird die Durststrecke des Tiefwasserhafens zwar nicht abrupt beenden, aber eindeutig abmildern.

In Hamburg wird diese Entwicklung mit einem Grummeln verfolgt. Krampfhaft wird versucht, mit der Vergewaltigung eines Flusses, dem entgegenzusteuern. Das ist gottlob erst einmal gerichtlich gestoppt worden. Aber auch eine Elbvertiefung könnte nicht verhindern, dass bei der Größe der Containerschiffe die Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. Außerdem dürfte es langsam in den Hafenbecken zu eng werden.

Es wird sicher noch lange dauern, bis sich bei den Hamburgern die Erkenntnis durchsetzt, dass ein Seehafen an die See gehört.

Jetzt ist die Chance groß: Bei drei SPD-geführten Regierungen in den Ländern Bremen, Hamburg und Niedersachsen müsste es doch möglich sein, dass die Hamburger wieder ins Boot Jade-Weser-Port zurückfinden. (maschus)

MSC OSCAR  –  Fakten

Länge: 395,40 Meter

Breite: 59 Meter

Tiefgang: max. 16 Meter

Tragfähigkeit: 199.273 Tonnen

Ladung: 19.224 Standard-Container (TEU)*

Geschwindigkeit: 23 Knoten/42 kmh

Verbrauch: 280.000 Liter Diesel pro Tag — ca. 1,44 Liter/TEU/100 km**

* Bei Vollauslastung (=19.224TEU) dürfen die Container ein durchschnittliches Gewicht von 10,2 Tonnen haben. Steigt das durchschnittliche Gewicht, reduziert sich dieAnzahl der Container.

**Zum Vergleich: Lkw = ca. 30 Liter Diesel/TEU/100 km // Eisenbahn ca. 3 Liter Diesel/TEU/100 km

Zwei Meldungen werden eine Meldung – eine Meldung wird eine Meldung

3. März 2015

Es ist nicht ungewöhnlich, dass zwei Meldungen in einem Artikel komprimiert werden. Wenn das dann ausgewogen ist, sozusagen These und Antithese genügend berücksichtigt sind, können sich die Leserinnen und Leser ein klares Bild machen. Es gibt viele funktionierende Beispiele. Wenn nicht, gibt es ja noch die Leserbriefe oder, wie bei mistkaeferterror, die Möglichkeit eines Kommentars*, der hier dann direkt unter dem jeweiligen Beitrag steht. Das ist besser, als Leserbriefe, die viel später veröffentlicht werden.

Oft werden zwei Meldungen in einem Text ungleich gewichtet bzw. durch Überarbeitung ins Gegenteil verkehrt.

So geschehen bei einem Beitrag des Weser Kurier, in dem es um die sogenannte Küstenautobahn geht. ** Dem Bericht zugrunde lagen die Pressemeldung der Autobahnbefürworter und die der Autobahngegner.

Weder die Online-Version vom 24. Februar noch die einen Tag später erschienene Print-Version kann als ausgewogen bezeichnet werden.

Während erstere wenigstens zwei Argumente der Autobahngegner enthält, fehlen sie bei der Print-Version ganz. Schon die verschiedenen Überschriften der zwei Beiträge zeigen, wohin die Richtung geht.

Online: Befürworter und Gegner sehen sich auf der Zielgeraden

Print: Vordringlicher Bedarf für Küstenautobahn

Das Textverhältnis Befürworter vs. Gegner beträgt bei der Online-Version 13 : 6 und bei der Print-Version 7 : 3. Das ist fast identisch, hat aber bei beiden Versionen eindeutig Schlagseite.

Ausgewogenheit sieht anders aus!

Qualitativ wird diese Unausgewogenheit noch gesteigert. Schon allein die Überschrift bei der Print-Version suggeriert, dass es mit der Küstenautobahn wohl keine Probleme mehr gibt und im Text geht es dann weiter in diese Richtung. Während in der O-Version noch Argumente der Gegner genannt wurden, fehlen diese in der P-Version ganz. Lediglich der Sprecher der Autobahngegner, Uwe Schmidt, wird mit den Worten zitiert: „Ferlemann scheint die Bodenhaftung zu verlieren.“ 

Es ist kein Argument gegen diese Autobahn, wenn Herr Ferlemann die Bodenhaftung verliert. Die in der Pressemeldung aufgezeigten Argumente scheinen bei der Bearbeitung des Textes teilweise und auf dem Weg von Online nach Print komplett abhandengekommen zu sein.

*Siehe Beitrag Stader Teppich

**Weser Kurier online, 24.02.2015, Befürworter und Gegner sehen sich auf der Zielgeraden (von Justus Randt) und Weser Kurier, 25.02.2015, Vordringlicher Bedarf für Küstenautobahn (von Justus Randt)