Logistik aus der Steckdose

24. Juni 2017

Nach einer DPA-Meldung haben die Autobauer Volkswagen und Porsche einen Lastkraftwagen konstruiert, der zu 100 Prozent elektrisch fährt. Der Lkw befindet sich zur Zeit in der Testphase. Damit sollen die Zweifel ausgeräumt werden, einen 40-Tonner könne man nicht elektrisch antreiben.
Nach zweijähriger Entwicklungsarbeit steht fest: Es geht. Das Ergebnis lässt allerdings noch Vieles zu wünschen übrig.
Die zwei batteriebetriebenen Prototypen erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von ca. 85 Km/h und haben eine Reichweite von 70 Kilometern.
Bis Ende 2018 sollen die beiden E-Sattelzugmaschinen bei einem Logistikunternehmen in der Praxis getestet werden.

Zu dieser DPA-Meldung passt ein Bericht aus der Badischen Zeitung vom 15. August des vergangenen Jahres. Beide Beiträge zeigen, wie die Autoindustrie mit allen Mitteln versucht, den Güterverkehr auf der Straße zu halten. Dabei wird sie nach Kräften von der Bundesregierung unterstützt. Für die im Beitrag unten erwähnten Oberleitungs-Teststrecken auf Autobahnteilstrecken in Schleswig-Holstein und Hessen hat das Bundesumweltministerium 50 Millionen Euro locker gemacht.

E-Lastwagen – ein Modell für die Zukunft? 
Badische Zeitung
Montag, 15. August 2016
Stromtrassen an Autobahnen liefern Elektrizität für Lastwagen, die klimaschonend durch Deutschland rollen: Ist das eine Utopie? Nicht unbedingt. Erste Tests sind nach BZ-Informationen in Vorbereitung.

So könnte es bald auf deutschen Autobahnen aussehen: der erste E-Highway in Schweden Foto: Scania CV AB

Diese Vorstellung ist gewöhnungsbedürftig: Neben deutschen Autobahnen werden im großen Stil Hochspannungsleitungen gebaut, wie man sie von Zügen kennt. Mit Strom versorgt werden sollen in diesem Fall aber Lastwagen, die dann klimaschonend durch die Republik rollen. Die Experten des Freiburger Öko-Instituts finden das eine gute Idee. Das geht aus einer bislang unveröffentlichten Studie hervor, die der BZ vorliegt.
„Es wird in Deutschland zwei Teststrecken geben.“
Die Zukunft des Güterverkehrs auf der Straße könnte so aussehen: Über 4000 Kilometer zieht sich entlang deutscher Autobahnen ein Stromabnehmersystem. „Das entspricht ungefähr einem Drittel des gesamten Autobahnnetzes“, erklärt Moritz Mottschall, Verkehrsexperte des Freiburger Öko-Instituts, das für das Umweltbundesamt eine Expertise zur Dekarbonisierung des Güterverkehrs erstellt hat. Die Stromtrassen nehmen darin eine zentrale Rolle ein, wobei sie nicht Züge, sondern Lkw mit Strom antreiben sollen, um sie schadstofffrei fahren zu lassen.
Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums sagt: „Es wird in Deutschland zwei Teststrecken geben.“ Sie sollen noch in diesem Jahr festgelegt werden und in Bau gehen. Wo und wie lange die Strecken sind, könne er noch nicht sagen. Das Vergabeverfahren sei noch nicht beendet und vorher könne man sich aus juristischen Gründen nicht äußern. Die Teststrecken sollen Aufschluss darüber geben, wie man hierzulande elektrifizierte Autobahnen am besten organisiert. Denn ohne einen radikalen Schritt seien deutsche Klimaziele nicht zu erreichen, ist sich das Öko-Institut sicher.
Die Oberleitungen kosten neun Milliarden Euro
Verkehrsexperte Mottschall erklärt: „Effizienzverbesserungen an Dieselmotoren können den Zuwachs an Güterverkehr in Deutschland nicht ausgleichen.“ Obwohl Lkw-Diesel bis zum Jahr 2050 um bis zu 30 Prozent sparsamer, und damit in diesem Maß abgasreduziert sein könnten, wird ihr absoluter Schadstoffausstoß in diesem Zeitraum um 18 Prozent steigen, hat das Öko-Institut berechnet. Das liegt daran, dass immer mehr Lkw auf deutschen Straßen fahren.
Der Güterverkehr geht damit in puncto Umweltbelastung in eine andere Richtung als der Individualverkehr. Dem sagt die Studie bis 2050 wegen einer zunehmenden Verbreitung von Elektro- und Hybridmotoren auch absolut eine Verringerung des Schadstoffausstoßes voraus.
In Schweden gibt es den ersten öffentlichen E-Highway der Welt
Wegen der langen Strecken, die die Lkw zurücklegen – am Tag zwischen 600 und 800 Kilometer – werde diese Entwicklung aber an den Lastwagen vorbeigehen, warnt das Freiburger Institut. Acht Tonnen wäre eine Batterie schwer, die einem elektrisch betriebenen Lkw 500 Kilometer Reichweite beschert, rechnen die Wissenschaftler vor. Die relativ günstigste Lösung, um im Lkw-Verkehr hierzulande eine Trendwende beim Schadstoffausstoß zu erzwingen, seien elektrifizierte Autobahnen, auch wenn dafür eine neue Infrastruktur aufgebaut werden muss.
2,2 Millionen Euro kostet ein elektrifizierter Autobahnkilometer laut der Studie des Öko-Instituts. Hochgerechnet auf die vorgeschlagenen 4000 Kilometer, auf denen sich 60 Prozent des gesamtdeutschen Lastwagenverkehrs ballen, wären das neun Milliarden Euro. Viel Geld, aber immer noch weniger als jede Alternative, etwa die Einführung von Wasserstoffantrieben nebst zugehöriger Tankinfrastruktur für die in Deutschland fahrenden Lkw-Flotten, sagt das Öko-Institut.
Siemens tüftelt am E-Highway
Industriell hat die Idee längst Widerhall gefunden – und zwar bei Siemens. Seit einigen Jahren entwickeln die Münchner ein Projekt namens E-Highway. Dafür gibt es am ehemaligen Flugplatz Templin nördlich von Berlin eine nicht öffentliche Teststrecke und seit Ende Juni nahe der schwedischen Hauptstadt Stockholm auch den ersten öffentlichen E-Highway der Welt. Auf zwei Autobahnkilometern fahren dort umgerüstete Lkw der schwedischen VW-Marke Scania.
„Elektrifizierte Straßen sind eine perfekte Ergänzung zum Transportwesen.“ Anders Berndtsson
„Der Siemens-E-Highway ist im Vergleich zu Verbrennungsmotoren doppelt so effizient“, sagt Roland Edel. Er ist bei Siemens der Chefentwickler in der Mobilitätssparte. Der Vorteil erklärt sich physikalisch aus der höheren Effizienz von Elektroantrieben. Das skandinavische Land hat sich politisch das Ziel gesetzt, den eigenen Transportsektor bis 2030 unabhängig von fossilen Brennstoffen zu machen, was einen enormen Umwelteffekt hätte. Verkehr ist in Schweden für ein Drittel des gesamten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich. Die Hälfte davon wiederum entfällt auf den Güterverkehr.
Den Schweden ist es ernst mit E-Highways. „Elektrifizierte Straßen sind eine perfekte Ergänzung zum Transportwesen“, sagt der Chefstratege der schwedischen Transportbehörde Trafikverket, Anders Berndtsson. Die beiden deutschen Pilotstrecken könnten eine solche Erkenntnis demnächst auch hierzulande reifen lassen.

Kernelement des von Siemens entwickelten E-Highways ist ein intelligenter Stromabnehmer in Kombination mit einem beliebigen Lkw-Hybridantriebssystem. Sensoren ermöglichen einem auf Lastern montierten Stromabnehmer, bei Geschwindigkeiten bis 90 Stundenkilometer den Kontakt zur Oberleitung herzustellen und zu unterbrechen. Das erlaubt auch ein Überholen auf elektrifizierten Strecken. Als Nebeneffekt kann das System zudem bordeigene Batterien von Elektro-Lkw während der Fahrt laden.
Ein zweiter E-Highway nach dem Prototyp an der E16 nahe Stockholm soll 2017 nahe Los Angeles in Kalifornien in Betrieb gehen. Dort kooperiert Siemens Lkw-seitig mit der Volvo-Tochter Mack. Die dort elektrifizierte Strecke liegt im von Lastwagenverkehr stark belasteten Umfeld der US-Häfen von Los Angeles und Long Beach. Dort sind heute täglich 35.000 Lastwagen unterwegs. Studien sagen bis zum Jahr 2035 eine Verdreifachung dessen voraus. Zwei weitere Teststrecken sind nun in Deutschland geplant.

Kommentar
Da bleibt einem die Luft weg!
Nach der Lektüre dieses Beitrags aus der Badischen Zeitung blieb uns in der Redaktion das Wort Schwachsinn im Hals stecken und damit die Luft weg. Nachdem wir dann wieder klar denken konnten, fiel uns ein, dass wir in Deutschland das ja alles schon haben, bis auf die Tatsache, dass eine E-Lok nicht mal eben den Stromabnehmer einklappen kann, um einen langsamer fahrenden Zug zu überholen.
In Deutschland gab es einmal ein gut ausgebautes Schienennetz mit vielen Werksanschlüssen. Dieses Schienennetz wurde von Managern, die überwiegend aus der Autoindustrie kamen, kaputtgespart oder so ausgebaut, dass Reisende von Frankfurt nach Paris und umgekehrt 15 Minuten schneller am jeweiligen Ziel waren. „Auf der Strecke“ blieb dabei der Güterverkehr. Dieser wurde und wird weiterhin sträflich vernachlässigt. Dabei ist der Schienengüterverkehr das umweltfreundlichste Transportmittel.
Wenn schon 9 Milliarden für den Ausbau der Autobahnelektrifizierung locker gemacht werden sollten, wie das Ökoinstitut Freiburg ausgerechnet hat, muss dieses Geld in die Ertüchtigung des Schienennetzes investiert werden. Das ist dann gut angelegtes Geld, dazu braucht es keine „Pilotstrecken“, das weiß man auch ohne Studien.

Helmut Kohl – ein Denkmal will er nicht

17. Juni 2017

„Wenn Sie ein Denkmal aufstellen, müssen Sie immer wissen, was passiert, wenn die Feier vorbei ist. Dann kommen als erstes die Vögel und setzen sich drauf und am nächsten Tag die Hunde und alle tun etwas.“                                                                                                                                                             Helmut Kohl 1999

„Wir müssen die Grünen aussitzen.“

Weitere erinnerungswürdige Zitate von Helmut Kohl:

http://www.sueddeutsche.de/politik/zitate-von-helmut-kohl-andere-bekommen-gleich-kalte-fuesse-wenn-ihnen-der-wind-einmal-ins-gesicht-blaest-1.2833321?utm_source=Maileon&utm_medium=email&utm_campaign=SZ+Espresso+am+Morgen+Sa.+17.06.&utm_content=http%3A%2F%2Fwww.sueddeutsche.de%2Fpolitik%2Fzitate-von-helmut-kohl-andere-bekommen-gleich-kalte-fuesse-wenn-ihnen-der-wind-einmal-ins-gesicht-blaest-1.2833321&utm_term=html

Nachruf von Cem Özdemir

http://www.sueddeutsche.de/politik/cem-oezdemir-ein-grosser-europaeer-ist-von-uns-gegangen-1.3548809

Hin- und Hergezerrt

14. Juni 2017

Schon kurz nach der Veröffentlichung des letzten Beitrags – ein Rezept – kamen die Zweifel: Passt es eigentlich zu einem Mistkäfer, der sich hauptsächlich mit dem beschäftigt, was bei Anderen hinten rauskommt, ein Rezept zu veröffentlichen.

Es passt!

Wer sich nur mit den  . . . . . .   befasst, läuft Gefahr, die Freude am Leben zu verlieren.

Über all den Dobrindts, Ferlemännern, Liesen und wie sie alle heißen gibt es noch einen anderen Sinn. Das Leben ist einzig und viel zu kurz, um es nur nach diesen Idioten auszurichten.

Das ist der tiefere Grund für die Veröffentlichung des Rezepts. Das Kochen hat Spaß gemacht und geschmeckt hat es wirklich gut.

Kochen ist besser als bomben.

Schon nachgekocht: Einfach lecker!

14. Juni 2017

Pasta mit Avocado, Parmesan und Champignons

Ein Rezept* von Spitzenkoch Tohru Nakamura                                                                                                

»Dieses Gericht stammt von Gerald, unserem ehemaligen Sommelier. Als wir im Restaurant einmal darüber redeten, was wir daheim kochen, antwortete er: »Spaghetti mit Avocado und Champignons«. Zuerst konnte ich mir das nicht vorstellen, aber der Schmelz der Avocado, die Frische der rohen Champignons und die heiße Pasta sind eine tolle Kombination. Wenn sich ein französischer Weinkellner an seinem freien Tag in die Küche stellt, muss dabei etwas Gutes herauskommen.«                                   

Tohru Nakamura kocht im „Geisels Werneckhof“ in München und ist mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet. 2015 ernannte ihn „Der Feinschmecker“ zum Koch des Jahres. Der Sohn einer Deutschen und eines Japaners ist vor den Toren Münchens aufgewachsen und hat unter anderem im Königshof gelernt.

Foto: Reinhard Hunger; Foodstyling: Christoph Himmel

Zutaten für 4 Personen:

500 g Pasta (am besten Spaghettini)
1 Schalotte
1 Knoblauchzehe
2 Avocados (reif)
50 ml Olivenöl
etwas Chili oder Peperoni, je nach gewünschter Schärfe (entkernt und gewürfelt)
1 EL gehackte Petersilie
60 g frisch geriebener Parmesan
200 g weiße, knackige Champignons (mit einem feuchten Tuch geputzt)
schwarzer Pfeffer aus der Mühle
Salz

Zubereitung:
Pasta in Salzwasser al dente kochen, etwas von dem Kochwasser aufheben.
Während die Pasta kocht, Schalotte und Knoblauch in feine Würfel schneiden. Avocados vierteln, Schale entfernen und jedes Viertel in zirka 6 Stücke würfeln. Im benutzten Kochtopf dann das Olivenöl erhitzen. Schalottenwürfel, Knoblauch und Chili bzw. Peperoni hinzufügen, kurz anschwitzen und mit dem aufgehobenen Kochwasser (ca. 150 ml) ablöschen. Pasta wieder in den Topf geben und alles gut vermengen.
Dann die Pasta in eine große Schüssel geben und mit Petersilie, Parmesan und Avocadowürfeln vermengen. Mit schwarzem Pfeffer abschmecken und die Champignons mit einem Trüffel- oder Gemüsehobel in Scheiben roh auf die Pasta hobeln.

*Rezept aus dem SZ-Magazin, Heft 22/2017.

Betonkopf des Jahres: Verkehrsminister Dobrindt

13. Juni 2017

Liebe BELTRETTER und Unterstützer,

für uns ist Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt „Beton-Kopf des Jahres“. Und deshalb haben wir jetzt seine fast zwei Meter große Betonbüste auf Fehmarn enthüllt. 😉 Und zwar mit Blick auf jenes Ostsee-Gebiet, das zu einer der größten Baustellen Europas werden würde.

Karin Neumann, BELTRETTER-Sprecherin: „Trotz aller Zweifel, Gefahren, explodierenden Kosten und befürchteten Schäden an der Umwelt und an einer der wichtigsten Ferienregionen Deutschlands hält Dobrindt an dem waghalsigen Tunnelprojekt fest. Er verweist auf einen verstaubten und lange überholten Staatsvertrag mit Dänemark. So viel Sturheit und Starrsinn gehören in besonderer Weise gewürdigt.“

Liebe Grüße

Das BELTRETTER – Team

Hier gibt es Fotos, Infos und auch ein Video: http://beltretter.de/2017/06/11/beton-kopf-des-jahres-verkehrsminister-alexander-dobrindt/

 

Verschläft Niedersachsen die Zeitenwende?

12. Juni 2017

Die Ausgleichszahlungen unter den Bundesländern im Jahr 2016 ergeben ein eindeutiges Bild: Die Geberländer liegen allesamt im Süden der Republik. Hamburg steht noch einigermaßen gut da, gehört aber auch schon zu den Nehmerländern; Niedersachsen und Bremen liegen im unteren Mittelfeld.

Eine neue Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI)* warnt vor einem weiteren Rückfall der norddeutschen Bundesländer, wenn sie nicht angemessen auf die Umbrüche in der Wirtschaft reagieren.

„Die Wirtschaft befindet sich in fundamentalen Umbrüchen. Die weltwirtschaftlichen, demografischen und vor allem technologischen Veränderungen vollziehen sich schnell und mit tiefgreifenden Wirkungen. In Zeiten des Strukturwandels ist eine strukturkonservative Politik gefährlich, weil sie der Illusion erliegt, die erfolgreichen Strukturen der Vergangenheit in die Zukunft verlängern zu können. Tatsächlich ist es geboten, den Strukturwandel aktiv zu gestalten. Wenn das nicht erfolgt, droht sich der Abstand noch zu vergrößern“, heißt es in der Studie.

Drei große Trends werden der Studie zufolge die wirtschaftliche Dynamik in den Bundesländern maßgeblich bestimmen: „Die digitale Transformation, der demographische Wandel und die geopolitischen Verschiebungen der Handelsbeziehungen.“*

Es darf bezweifelt werden, ob der niedersächsische Wirtschafts- und Verkehrsminister Olaf Lies den Weitblick hat, diese Herausforderungen zu erkennen und ihnen entsprechend zu handeln. Sein „Bekenntnis zum schnellen und zügigen Bau der A 20″** ist rückwärtsgewandt und missachtet die jüngsten Forschungsergebnisse zum fortschreitenden Klimawandel. Mit dieser „strukturkonservativen Politik“ fährt er das Land gegen die Wand.

Was den Gütertransport betrifft, sind die Manager schon fortschrittlicher als der Minister.

Oliver Bergk, General Manager bei Eurogate, über das System der „Kombinierten Verkehre (KV)“ See/Land: „Dieses System ist eine ökologisch sinnvolle Alternative zum Straßenverkehr. Denn allein auf einer Fahrt kann der Zug 92 20-Fuß-Container mitnehmen und so bis zu 70 Lkw-Touren auf der Straße einsparen.“

*Studie HWWI_Deutschland_Strukturwandel

**Weser Kurier, 126.2017 -Lies will die A 20 vorantreiben-

Schweinefleisch: Hauptsache billig

9. Juni 2017

 

Das Foto stammt nicht aus dem im Text unten erwähnten Betrieb, die Zustände dort dürften jedoch ähnlich sein.

 

Versteckte Kameras dokumentieren massive Gesetzesverstöße in Ferkelzuchtbetrieb

Über 6 Monate wurden die Vorgänge eines Ferkelzuchtbetriebs in Zeven (bei Bremen) von Tierrechtlern dokumentiert. In dieser Zeit ist über 100 Std. Videomaterial entstanden. Immer wieder schlichen sich die Aktivisten nachts in die Anlage, in der ca. 2.500 Zuchtsauen gehalten werden. Sie installierten versteckte Kameras und konnten so die grausamen Praktiken dokumentieren.

„Auf den Aufnahmen ist zu sehen, dass ganz offensichtlich kranke Ferkel nicht tierärztlich versorgt worden sind, sondern einfach so lange auf den Boden geschlagen wurden, bis sie vermeintlich tot waren. Diese gesetzeswidrige Praktik führte offenbar dazu, dass ein Tier überlebte und anschließend wohl qualvoll im Mülleimer verendete“, so Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Tierschutzbüros.

Hinzu kommt, dass die Spaltenböden an einigen Stellen zu groß sind, mit der Folge, dass Ferkel in die Spalten fallen und qualvoll sterben. Ganz offensichtlich wird dieser „Verlust“ vom Betreiber der Anlage mit einkalkuliert, denn die zu großen Spalten finden sich überall in dem Betrieb.

Aber auch die Sauenhaltung im so genannten Kastenstand verstößt gegen die Tierschutz-Nutztierverordnung. Dort heißt es, dass der Kastenstand so breit sein muss, wie das Tier hoch ist, damit sich die Sau ungehindert hinlegen kann. Bei dem dokumentierten Betrieb im niedersächsischen Zeven unterschritten, die von den Tierrechtlern geprüften Kastenstände diese Vorgabe. Teilweise stand den Tieren 20 % weniger Platz zur Verfügung, als ihnen gesetzlich eigentlich zusteht. „In diesen Käfigen können sich die armen Schweine noch nicht einmal umdrehen, das ist die reinste Tierquälerei“, kritisiert Peifer.

Das Deutsche Tierschutzbüro möchte mit der Veröffentlichung des Bildmaterials auch dazu beitragen, dass erneut über die Probleme in der Massentierhaltung und Tierzucht diskutiert wird. „Immer wieder decken wir und andere Organisationen Missstände bei der Tierhaltung auf, es sind keine Einzelfälle, sondern die Tierquälerei ist systematisch“, so Peifer, der schon hunderte von Mastanlagen von innen gesehen hat.

Das Deutsche Tierschutzbüro hat Strafanzeige gegen den Betreiber der Zuchtanlage sowie gegen eine Mitarbeiterin des Betriebs gestellt. Der Staatsanwaltschaft Oldenburg wurde die gesamte Recherche mit allen Dokumenten und über 100 Stunden Videomaterial überreicht. Laut Tierschutzgesetz § 17 bzw. § 18 müssen Täter mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro rechnen.

Die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft wurden aufgenommen.

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In einer ersten Stellungnahme kritisierte der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer die Vorgehensweise des Tierschutzbüros. Statt direkt an die Öffentlichkeit zu gehen, wäre es besser gewesen, die für derartige Verstöße zuständige Behörde zu informieren.

Dann hätte man die Vorfälle wohl besser „unter den Teppich kehren können“ meint mistkaeferterror dazu. Wieso werden Vorkommnisse dieser Art nicht von den zuständigen Veterinärämtern festgestellt? Wo bleibt da eine regelmäßige Kontrolle? Die gibt es sicher – jedoch mit Voranmeldung und einer Frist, in der schnell noch in den Betrieben „gefegt“ werden kann.